Gourmand Award Winner
Du kannst stolpern, aber nie fallen

Ein Porträt von Alexander Schreck

Du kannst stolpern, aber nie fallen

Prof. Dr. Yasmin Weiß

Aufsichts- und Beirätin, Buchautorin

· 10 Min Lesezeit

Prof. Dr. Yasmin Weiß über menschliche Unersetzbarkeit im Zeitalter der KI, den

Preis der Ambition und einen Stuhl, der auf vier Beinen stehen muss, um nicht zu kippen.

Ein Porträt von Alexander Schreck

 Der inspirierende Nachbar

Der Nachbar von nebenan war Professor. Yasmin Weiß war damals Teenager und kannte an ihm hauptsächlich eines: Er kam nachmittags um drei braun gebrannt und in Tennisklamotten nach Hause und fragte, ob sie auch Tennis spielen wolle. Ihr Vater arbeitete zu dieser Zeit, wie sie es beschreibt, „irre viel“. Beim Abendessen fragte sie ihre Eltern einmal, ob der Nachbar eigentlich einen Job habe. Ihr Vater, selbst Unternehmer, antwortete trocken: Er sei Professor, da könne man offensichtlich schon nachmittags Sport treiben. Diese Antwort blieb positiv hängen, hat Weiß einmal erzählt. Sie fragte den Nachbarn eines Tages direkt, ob es eigentlich „schwer sei“, Professor zu werden, wenn man groß ist. Er lachte und sagte: „Für Dich sicherlich nicht.“ Von diesem Nachmittag an stand fest, was sie werden wollte, lange bevor sie überhaupt in einem Hörsaal gesessen hatte.

Herkunft? Kosmopolitisch

Ihre Mutter, Chinesin aus Hongkong, und ihr Vater, gebürtiger Münchner, legten großen Wert auf eine multikulturelle Erziehung. Ihre Mutter kannte das deutsche Bildungssystem aus eigener Erfahrung nicht. Sie ging implizit davon aus, dass in Deutschland wohl nur die Note “Eins” vergeben wird. Als Weiß’ Mutter einmal bei einem Elternabend mit den Lehrern über die schulischen Leistungen ihrer Kinder sprach, fragte sie, warum an deutschen Schulen nur die Note „Eins“ vergeben wird. Die Lehrerin antwortete: „Das ist nicht so. Das sind die Noten ihrer Kinder.” Weiß erinnert sich gerne daran, dass sie zu Hause Bücher auf Chinesisch und Deutsch vorgelesen bekam, je nachdem, welches Elternteil gerade mit dem Vorlesen dran war. Eine alte Schulfreundin der Mutter schickte regelmäßig Bücher von den Abenteuergeschichten eines chinesischen Affen, auf die sich Weiß immer freute, wenn sie diese aus dem Briefkasten zog. Feiertage wurden in der Familie in beiden Kulturen gefeiert. Weiß fühlte sich als Kind “sehr privilegiert", dass sie mit ihrer Familie doppelt so viele Feste feiern und zweimal im Jahr „Neujahr“ feiern konnte. Als ihre Brüder und sie als Kinder fragten, was sie eigentlich seien, Hongkong-Chinesen oder Deutsche, antworteten die Eltern: Ihr seid Kosmopoliten. Erzogen, um sich überall auf der Welt zurechtzufinden. Zur Schule ging sie in Deutschland mit Auslandsaufenthalten in Frankreich und Kanada. Das deutsche Abitur kam mit achtzehn. Dann die große Frage, die junge Menschen aus ihrer Sicht kaum treffen können, weil ihnen die Tragweite fehlt: Was jetzt?

 Der sichere Weg

Weiß entschied sich für Betriebswirtschaftslehre, wie sie selbst sagt, weil ihr schlicht nichts Besseres einfiel. Es war der risikoaverse Weg. Medizin oder Jura standen kurz im Raum, verschwanden aber wieder. Rückblickend hätte sie sich gewünscht, vorher breiter hineinzuschnuppern, mit mehr unterschiedlichen Menschen zu sprechen, bevor sie sich festlegte. Weiß’ Zwillingsbruder studierte Ingenieurwissenschaften und zog zielgerichtet ins Silicon Valley. Sie selbst hatte anfangs Probleme, ihren Weg zu finden. Das BWL-Studium begeisterte Weiß nicht. Es kam ihr zu praxisfern und zu trocken vor. Sie suchte sich nach dem vierten Semester eine renommierte französische Universität „mit Strandzugang und viel Sonne“ und setzte ihr Studium an der École Supérieure de Commerce in Nizza fort. Weiß schloss schließlich ihr Studium mit 22 Jahren ab und suchte sich eine Promotionsstelle.

 Der Durchbruch

Nach der Promotion ging Weiß zunächst zu Accenture und zog anschließend zurück nach München, um ihre Karriere bei der BMW Group fortzusetzen, einem Unternehmen, in dem viele Freunde von ihr arbeiteten. Weiß beschreibt diese Zeit im Konzern mit einem Bild: Es war wie ein Etuikleid, das in Summe gut saß, aber an bestimmten Stellen eben nicht, es kam ihr zu eng und zu unbeweglich vor. Sie traute sich, selbst Maß zu nehmen, statt das vorgefertigte Etuikleid „von der Stange“ zu tragen. Sie war fest entschlossen, ihren eigenen Karriereweg zu „designen“. Als sie ankündigte, den Konzern zu verlassen, einen Arbeitgeber, der regelmäßig zu den attraktivsten Deutschlands gezählt wird, fragten Kollegen, ob sie das wirklich wolle. Sie wollte. Nicht weil sie den Konzern schlecht fand, sondern weil sie eine Rolle suchte, die Theorie und Praxis sowie Kinder und Karriere gleichzeitig zulässt: Sie wollte Professorin mit weiterlaufenden Mandaten in Wirtschaft und Politik werden. Mit 32 Jahren wurde Weiß als Professorin berufen. Ein Jahr später folgte das erste Aufsichtsratsmandat. Viele weitere sollten folgen. Mit 34 Jahren wurde sie vom damaligen Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel in den Außenwirtschaftsbeirat des Bundeswirtschaftsministeriums und von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel in den Innovationssteuerkreis der Bundesregierung berufen. Beide Politiker hatten die junge Frau „entdeckt“, als sie auf dem 95. Geburtstag mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger vor laufender Kamera über die Zukunft der deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen diskutierte. Wenige Jahre später berief der damalige Bundesfinanzminister Christian Lindner sie zudem ins Wirtschaftsforum der FDP.

Was bleibt vom Menschen

Ihr Forschungsfeld ist die Zukunft menschlicher Arbeit mit Künstlicher Intelligenz, und ihr jüngstes Buch trägt den Titel: Was bleibt vom Menschen, wenn die KI übernimmt? Die meisten Menschen, sagt sie, stellen sich die falsche Frage. Sie fragen, ob KI ihren Job übernehmen wird. Weiß plädiert für die umgekehrte Frage: Wie erledige ich meinen Job so, dass ich kaum zu ersetzen bin? Der Unterschied ist keine Wortspielerei. Die erste Frage macht ohnmächtig. Die zweite macht zum Gestalter. Für die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine benutzt sie ein einfaches Bild: Der Mensch ist Kapitän, gibt das Ziel vor, trägt die Verantwortung für das Endergebnis. Die KI ist Copilot, unterstützt, entlastet, wird aber nie zur letzten Instanz. Was in ihren Augen unersetzlich bleibt, sind Tätigkeiten, bei denen Wertschätzung, Wohlwollen, Warmherzigkeit und werteorientiertes Handeln im Vordergrund stehen. Sie hat noch keine Eltern getroffen, die sich wünschen, dass ihr Kind im Kindergarten von einem humanoiden Roboter betreut wird.

„Wir sind nicht der ohnmächtige Copilot, der sich selbst nicht steuern kann. Wir haben die Wahl, welchen Weg wir einschlagen.“

 Die Viertelstunde

Was sie im Hörsaal über KI lehrt, möchte sie den eigenen Töchtern nicht vorenthalten. Also gibt es abends eine individuelle und altersadäquate KI-Viertelstunde für beide Kinder. Die klettern dazu auf ihren Schoß, und überlegen gemeinsam mit ihrer Mutter vorher, was sie an diesem Abend machen wollen. Die Geburtstagseinladung der älteren Tochter entstand so: Die Tochter wollte ein Pferd mit Nikolausmütze im verschneiten Wald, und sie durfte selbst prompten, bis das Bild stimmte. Der wichtigere Teil kam danach: Weiß zeigte ihr, wie sie den Einladungstext personalisiert, damit die eingeladenen Freundinnen sich nicht wie Empfänger einer Massenmail fühlen, sondern persönlich gemeint. Genau da, sagt sie, muss der Mensch veredeln, wo die Maschine nur liefert. Vor dem Schlafengehen stellt sie ihren Töchtern, auch der Kleinsten im Kindergartenalter schon, drei Fragen: Was hast du heute gelernt? Wem hast du geholfen? Was war dein schönster Moment? Keine große Rede über Zukunftskompetenzen, sondern ein tägliches kleines Ritual, das genau dorthin zielt.

Vier Beine

Weiß stellt sich ihr Leben als Stuhl vor, der auf vier Beinen steht: Familie, Beruf, Freizeit und Gesundheit. Bricht eines der Beine, bricht der ganze Stuhl. Sie hat verstanden, dass niemand in allen vier Bereichen gleichzeitig Vollgas geben kann, auch nicht mit noch so viel technischer Entlastung. Der Tag hat vierundzwanzig Stunden. Weiß träumt von einem ausbalancierten Leben, in dem alle vier Stuhlbeine stabil stehen und ausreichend Raum und Zeit bleibt, das Leben mit den richtigen Menschen zu genießen. Möglichst jeden Tag. Kognitiv ist sie dort angekommen. Gelebt hat sie es bisher nicht durchgängig, sagt sie selbst, ohne Umschweife. Sie beschreibt eine konkrete Szene aus ihrem Umfeld in Starnberg: andere Eltern, die sich mittags zur eigenen Tennisstunde treffen, sich danach in die Sonne setzen, einen Cappuccino trinken und der Tennisstunde der eigenen Kinder zuschauen. Sie selbst bringt ihre Kinder zum Tennis und schaut zu, aber die eigene Tennisstunde fällt aus Zeitgründen unter der Woche aus. Dabei war genau das Tennisspielen am Nachmittag unter der Woche ihr Anreiz, den Beruf einer Professorin anzustreben. Ich sehne mich manchmal danach, sagt sie, und gleichzeitig weiß ich, das ist der Preis, den ich für das Lebensmodell bezahle, das ich gewählt habe. Immerhin schafft sie es dreimal pro Woche ins Gym. Diese „Me-Time“ ist ihr wichtig, betont sie. Jedes Lebensmodell hat einen Preis. Wer sich für eine anspruchsvolle Karriere und gleichzeitig eine große Familie entscheidet, zahlt in genau solchen kleinen Verzichten, nicht in einer großen, einmaligen Entscheidung, sondern jede Woche neu.

Bedingungslose Liebe

Auf die Frage, woher Wert und Würde des Menschen kommen, antwortet Weiß nicht als Wissenschaftlerin, sondern als Mensch: Jeder ist qua Geburt wertvoll, und diesen Wert muss niemand sich verdienen. Ihren Töchtern möchte sie genau dieses Grundgefühl mitgeben: Du wirst um deiner selbst willen geliebt, nicht weil du Erwartungen erfüllst, die von außen an dich herangetragen werden. Langfristige Verantwortung bedeutet für sie, mit den eigenen Fähigkeiten dazu beizutragen, dass sich die Gesellschaft in eine positive Richtung weiterentwickelt. Kein abstraktes Ziel, sondern eine tägliche Haltung. Oftmals wird sie in Interviews gefragt, was sie ihren eigenen Kindern für ihre berufliche Zukunft raten würde, wenn sie ihre Mutter eines Tages fragen würden. Weiß' Antwort: „Werdet die wundervollsten Menschen, die ihr sein könnt. Mit der Fähigkeit, Liebe zu geben und Liebe zu empfangen und vor allem euch selbst zu lieben. Bringt Wärme in die Welt und entfaltet eure Talente so, dass ihr immer die Fähigkeit besitzt, die ständig wechselnden Anforderungen dieser Welt meistern zu können. Traut euch, auch dann richtig gute Menschen zu sein, wenn das bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen."

Neue Mosaikkarrieren

„Lineare Karrieren", sagt Weiß, „sind das dominante Karrieremuster der Vergangenheit. Angesichts der disruptiven Kraft von KI und Robotik in der Arbeitswelt werden ‚Mosaikkarrieren' das weitverbreitete Karrieremuster der Zukunft sein, die sich aus unterschiedlichen Rollen und beruflichen Identitäten zusammensetzen." Zwei Beispiele erzählt sie besonders gerne: Ein Physiotherapeut, früher Dachdecker, wurde blind und fragte nicht das Jobcenter, sondern sich selbst, ob es Berufe gibt, in denen Blindheit eine Stärke ist. Heute führt er eine Praxis, die so gut gebucht ist, dass neue Patienten kaum Termine bekommen, weil er sich auf seinen Tastsinn verlassen kann wie kaum ein Sehender. Ein Bekannter, fünfundzwanzig Jahre in einem Münchner Konzern, wechselt jetzt, wirtschaftlich abgesichert, in die Altenpflege. Er wollte, wie er ihr sagte, jeden Morgen aufstehen und wissen, dass er mit seinen Stunden etwas absolut Sinnvolles tut, in einem Beruf, den auf absehbare Zeit kein Roboter übernehmen wird. Beide Wege wirken auf den ersten Blick exotisch. Weiß sieht darin Vorreiter einer Entwicklung, die sich in ihrer eigenen Biografie ebenfalls bereits gezeigt hat: von der Unternehmensberatung in den Konzern, von dort in die Wissenschaft, mit Aufsichtsratsmandaten und politischen Beratungsfunktionen nebenher.

 Stolpern, nicht fallen

Nach allen Stationen, allen Rollen, allen Titeln bleibt für Weiß eine Erkenntnis über allen anderen: Die wichtigste Investition ihres Lebens sind tiefe, aufrichtige zwischenmenschliche Beziehungen. Sie sind da, wenn es aufwärts geht, und sie sind da, wenn es abwärts geht. Als sie vor einiger Zeit eine wirklich schwierige Phase durchlebte, schrieben ihr die engsten Freunde einen Satz, den sie seither mit sich trägt und den sie an anderer Stelle einmal geteilt hat: Du kannst zwar stolpern, aber du kannst nie fallen. Wir stehen links und rechts an deiner Seite. Sie sagt, dieser Satz habe ihr gezeigt, dass sie in diese Beziehungen richtig investiert hatte. Von einem Kind, das schon früh von Tennisspielen am Nachmittag träumte, zu einer Frau, die weiß, wer links und rechts neben ihr steht: Das ist, im Kern, derselbe positive Blick aufs Leben, nur fünfunddreißig Jahre weitergedacht.  

 Prof. Dr. Yasmin Weiß

lehrt und forscht an der Technischen Hochschule Nürnberg zum Thema Zukunft der Arbeit mit Künstlicher Intelligenz und menschenzentrierter KI. Sie studierte und promovierte in Betriebswirtschaftslehre in Deutschland und Frankreich und begann ihre Karriere bei Accenture und der BMW Group. Sie sitzt in mehreren Aufsichts- und Beiräten, ist Buchautorin und eine der gefragtesten Keynote-Speakerinnen im deutschsprachigen Raum.
„Wir sind nicht der ohnmächtige Copilot, der sich selbst nicht steuern kann. Wir haben die Wahl, welchen Weg wir einschlagen.“
Prof. Dr. Yasmin Weiß