Gourmand Award Winner
Der Name über der Tür

Persönliches Interview

Der Name über der Tür

Daniel Abt

Unternehmer, Influencer und ehemaliger Rennfahrer

· 10 Min Lesezeit

Daniel Abt über das Paradox des Einzelkämpfers, die Lektionen des Scheiterns und die Frage, was ein Name trägt, wenn er gleichzeitig ein Unternehmen ist.

Allein im Cockpit

Im Cockpit ist Daniel Abt allein. Zumindest sieht es so aus. Helm auf. Visier zu. Ein Name auf der Karosserie, Tausende Zuschauer, aber im entscheidenden Moment niemand außer ihm selbst. Motorsport als Einzelkampf – das ist das Bild, das bleibt. Daniel Abt sagt das Gegenteil. „Du bist nur so gut wie dein Team. Wenn du vom Mechaniker bis hin zum Ingenieur die Leute nicht für dich gewinnen kannst, gewinnst du im Motorsport nicht.“ Er sagt das mit einer Überzeugung, die zeigt, dass er es nicht aus einem Buch hat. Er hat es auf Rennstrecken in drei Kontinenten gelernt. Und er hat es in den Jahren danach, in denen aus dem Fahrer ein Unternehmer wurde, bestätigt gefunden. Der Satz gilt im Cockpit. Er gilt im Büro. Er gilt überall, wo Menschen gemeinsam etwas erreichen wollen. Daniel Abt ist 33 Jahre alt. Er ist der Sohn von Hans-Jürgen Abt, Eigentümer von Abt Sportsline in Kempten, einem der erfolgreichsten deutschen Motorsport-Tuningunternehmen, das 1896 als Schmiede begann und heute in mehr als fünfzig Länder liefert. Der Name über der Tür ist sein Name. Das Unternehmen, das er mitverantwortet, trägt seine Familie seit mehr als einem Jahrhundert.

Du kannst, nie du musst

Er ist früh mit dem Motorsport in Kontakt gekommen. Nicht weil er musste. Weil er aufwuchs, wo Motorsport war. Der Vater, der das Team leitet. Die Fahrerlager, durch die man als Kind läuft. Die Maschinen, die man beobachtet. Man saugt das auf, ohne dass es erklärt werden müsste. Und irgendwann fragt man sich, ob man es selbst will – oder ob man nur das will, was man kennt. Diese Frage hat Daniel Abt sich gestellt. Und sie wurde ihm gestellt. Schon früh, die plumpe Version: Willst du irgendwann mal die Firma übernehmen? Wer denselben Namen trägt wie das Unternehmen, übernimmt Verantwortung oft lange, bevor er sie offiziell erhält. Das kollektive Schweigen über Alternativen ist manchmal lauter als jeder Druck. Bei Abt war das anders. Und er weiß, dass das nicht selbstverständlich ist.

Der Kanal

Was kaum jemand weiß, der Daniel Abt als Rennfahrer kannte: Er hat während seiner gesamten aktiven Karriere nebenher gearbeitet. Nicht heimlich, aber ohne Aufhebens. Social Media, als es noch kein Geschäftszweig war. Eine eigene kleine Welt neben dem Cockpit, für die er von Kollegen und Betreuern kritisiert wurde. Du bist nicht voll bei der Sache. Er fand es trotzdem wichtig. Nicht weil er ahnte, wohin es führen würde. Sondern weil er ein Gespür dafür hatte, was Menschen interessiert. Weil er vor einer Kamera sprechen konnte. Weil er das mochte. Aus dem Gespür wurde eine Reichweite. Aus der Reichweite wurde eine kleine Firma. Erste Mitarbeiter. Ein Team. Und mit dem Team kamen die ersten echten unternehmerischen Lektionen – im Kleinen, aber real. „Das hat mich verstehen lassen, was es heißt, ein Team aufzubauen, zu steuern, an etwas zu arbeiten.“ Der Weg in das Familienunternehmen war kein Sprung. Er war eine Vorbereitung, die niemand so geplant hatte. Dass Social Media damals belächelt wurde, stört ihn heute nicht mehr. Was ihn interessiert, ist die Entwicklung: Inzwischen kommt ein Kunde in die Firma und sagt, er habe ein Video gesehen und wolle genau das kaufen. Der Sohn eines anderen Kunden habe dem Vater gesagt, er solle sich unbedingt mal das Unternehmen anschauen. Dreihundertfünfzig Pitches von Partnern und Agenturen nach einem einzigen LinkedIn-Post. Messbar ist das schwer, weil Abt Sportsline kein klassisches Online-Produkt hat. Spürbar ist es täglich. Was einmal als persönliche Marke eines Rennfahrers begann, zahlt heute auf ein 130 Jahre altes Unternehmen ein. Das Eigentliche dabei ist nicht Social Media. Es ist das Vertrauen in das eigene Gespür – auch dann, wenn alle anderen noch lachen.

„Es war immer nur ein Du kannst – und nie ein Du musst.“

Der Einbruch

2020 endete seine aktive Motorsportkarriere mit einem Einbruch, den er selbst den größten Fehler seines Lebens nennt. Eine Idee, die als Aufmerksamkeitsstrategie gedacht war, wurde zum größten PR-Skandal der Formel E. Audi reagierte mit sofortiger Suspendierung. „Damals dachte ich, das ist das Schlimmste überhaupt. Heute denke ich mir: Mein Leben ging gut weiter.“ Was er in diesem Moment hatte, entschied alles: seinen YouTube-Kanal, seine Community, eine eigene Stimme. Während andere in solchen Situationen darauf angewiesen sind, dass jemand anderes über sie berichtet, hatte Daniel Abt bereits eine eigene Plattform aufgebaut. Als er nicht mehr schweigen musste, sprach er. „Das war schon etwas sehr Wertvolles – eine eigene Plattform zu haben. Eine eigene Reichweite, eine eigene Community, ein eigenes Sprachrohr.“ Was als Spielerei auf YouTube begonnen hatte, wurde in seiner größten Krise zum wichtigsten Vermögenswert. Nicht Reichweite. Unabhängigkeit. Was er aus dieser Phase mitgenommen hat, zeigt sich in der Art, wie er heute über Führung spricht. Direktheit. Ehrlichkeit. Die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, auch wenn es wehtut. „Vor fünf Jahren hat mir das noch deutlich schwerer gefallen. Da war ich einfach noch deutlich unsicherer.“ Das ist die nüchterne Beschreibung eines Lernprozesses, der durch Reibung entstand, nicht durch Nachdenken.

Spirit vor Zeugnis

Woran erkennt man gutes Personal? Er antwortet ohne zu zögern: fast immer an der Einstellung. Nicht am Zeugnis. Nicht an der Qualifikation. Am Spirit. Am Willen. An der Art, wie jemand in einen Raum kommt. „Ich habe oft den Fehler gemacht, eher nach Qualifikation zu gehen und nicht nach dem Menschengespür.“ Das setzt voraus, dass man aus Fehlern etwas lernt, das sich nicht in Zahlen ausdrückt: dass Menschen, die auf dem Papier stark aussehen, nicht passen können. Und dass Menschen, die auf dem Papier schwächer aussehen, ein Team tragen können. Das hat Konsequenzen für das, was Führung bedeutet. Wer nach Spirit einstellt, muss auch bereit sein, klar zu sagen, wenn der Spirit fehlt oder erlischt. Direktes Feedback geben. Jemanden gehen lassen, wenn er nicht ins Team passt. „Da war ich einfach zu empathisch – aus einer Firmensicht. Nicht, dass man nicht empathisch sein sollte, aber das kann auch eine Gefahr darstellen.“ Der Motorsport hat ihm das beigebracht, auf seine Weise. Im Rennen entscheidet man in Zehntelsekunden. Man hat keine Zeit für lange Abwägungen. Man vertraut dem Gefühl oder man verliert.

Vom Patriarchen zum Vertrauen

Drei Generationen. Das ist der eigentliche Bogen der Geschichte von Abt Sportsline. Johann Abt, der Schmied, der anfing Autos zu reparieren, weil die Zeit sich veränderte. Hans-Jürgen Abt, der das Unternehmen in den Motorsport führte und zu einem der erfolgreichsten deutschen Rennteams machte. Und Daniel Abt, der mit dreiunddreißig Jahren in einer Zeit an der Seite seines Vaters steht, die für die gesamte Automobilbranche eine der herausforderndsten seit Jahrzehnten ist. Er beschreibt seinen Großvater, den er kaum kannte, mit einer historischen Präzision: Pioniergeist. Großer Ehrgeiz. Die Lust, etwas zu erschaffen. Aber auch: Patriarchenstil. Eine raue Umgangsart. Ein Führungsbild, das heute so nicht mehr funktionieren würde. „Das ist einfach eine ganz andere Welt.“ Seine Generation führte mit Autorität. Daniels Generation versucht über Vertrauen zu führen. Was alle drei verbindet: Pioniergeist, Ehrgeiz, die Bereitschaft, den Status quo zu hinterfragen. Das ist die einzige Eigenschaft, die er für unverwechselbar hält, wenn man ein Familienunternehmen durch Transformationsphasen führen will.

Kein Trend um jeden Preis

Der Automobilmarkt, an dem Abt Sportsline hängt, ist in einem Umbruch, den niemand vollständig überblickt. Elektromobilität. China. US-Zölle. Die Verwerfungen im VW-Konzern, an dem das Unternehmen nah hängt. Anonym befragte Vorstandsmitglieder, von denen sechs von zehn angaben, sie sähen die Existenz des Konzerns gefährdet. „Dann denkt man zumindest mal drüber nach, was passieren könnte.“ Er sagt das sachlich, ohne Alarmismus. Was er nicht tut: jedem Trend hinterher laufen. Das sei einer der größten Fehler der letzten zehn Jahre in der Automobilbranche gewesen. Elektromobilität als Pflichtbekenntnis. Investitionen ohne klare Grundlage. Kosten als einzige Antwort auf Strukturfragen. „Aus jeder schwierigen Situation entstehen natürlich auch immer wieder sehr viele neue Sachen.“ Der Mittelstand hat dabei einen strukturellen Vorteil: Entscheidungen, die in einem Konzern Monate durch Gremien brauchen, werden hier in Tagen getroffen. Manchmal aus dem Bauch heraus. Das kann nach hinten losgehen. Es funktioniert auch sehr oft. Und in Zeiten, in denen Schnelligkeit der entscheidende Faktor ist, ist das kein kleiner Vorteil.

Sinn statt Benefits

Es gibt Dinge, die Daniel Abt an Deutschland beobachtet, die ihn beschäftigen. Bürokratie, die lähmt. Ein fehlendes gesellschaftliches Verständnis dafür, dass Leistung sich lohnen muss. Das Gefühl einer Abstiegsgesellschaft, das sich in das Mindset von Mitarbeitern einschleicht und von dort in Unternehmen. „Wenn die Leute, die in der Firma arbeiten, das denken, dann ist es meistens nicht so gut.“ Gleichzeitig überschätzt er das Problem nicht. Es gibt junge Menschen mit enormem Drive. Es gibt eine Generation, die anders über Arbeit denkt, aber nicht schlechter. Wenn Arbeit sich nicht lohnt, wenn Perspektiven fehlen, wenn man sich fragt, ob Einsatz überhaupt etwas verändert – dann verändert sich die Einstellung zur Arbeit. Das ist keine Schwäche einer Generation. Es ist eine rationale Reaktion auf ein System, das bestimmte Fragen nicht beantwortet. Für sein Unternehmen bedeutet das: Wer junge Mitarbeiter gewinnen und halten will, muss Antworten auf diese Fragen haben. Nicht in Form von Benefits-Paketen. In Form von Sinn. Von Zusammenhalt. Von dem Gefühl, Teil von etwas zu sein, das größer ist als der eigene Arbeitsvertrag.

Verantwortung, kein Privileg

Der Name über der Tür. Wenn der Familienname gleichzeitig der Unternehmensname ist, gibt es keine Trennung zwischen Person und Marke. Was er tut, fällt auf den Namen. Was der Name trägt, fällt auf ihn zurück. 130 Jahre Geschichte. Eine Erwartung, die nicht ausgesprochen werden muss, weil sie in jedem Gespräch mitschwingt. „Wenn man 130 Jahre Geschichte hat, ist die Erwartung zumindest, dass die Geschichte solide und gut weitergeht.“ Er sagt das nicht als Last. Er sagt es als Tatsache, mit der er aufgewachsen ist und die er inzwischen als das sieht, was sie ist: nicht Last, nicht Privileg, sondern Verantwortung. Eine Verantwortung, die er nicht alleine trägt – sein Vater ist noch dabei, Stück für Stück zurücktretend, aber präsent – und die er nicht alleine tragen will. Teams tragen Lasten. Einzelkämpfer brechen unter ihnen zusammen.

Der Sohn

Wenige Wochen nach dem Gespräch wird Daniel Abt Vater. Das gibt der Frage nach der nächsten Generation eine Dringlichkeit, die kein strategischer Plan herstellen kann. Was will er übergeben? Er antwortet ohne Zögern. Kein Wachstum um jeden Preis. Keine Verdoppelung. Kein Prestige. „Es soll einfach das behalten, wofür es steht. Einen Kern. Tolle Werte. Tolle Mitarbeiter. Ein Produkt, das den Leuten gefällt.“ Was er als bleibendes hinterlassen will? Eine gute Zukunft für seinen Sohn. Alles andere – ob Deutschland ihn kennt, ob er erinnert wird, ob sein Name in zwanzig Jahren noch jemanden interessiert – das überschätzt man. „Man wird schneller vergessen, als man glaubt.“ Er sagt das nicht bitter. Er sagt es befreit. Vielleicht ist genau das die eigentliche Freiheit des Familienunternehmers: nicht für Erinnerung zu arbeiten, sondern für die Generation, die nach ihm kommt. Im Motorsport gibt es eine Wahrheit, die im Büro genauso gilt: Auf eine Runde kommt es an. Detail-Verliebtheit ist keine Perfektionismus-Schrulle. Es ist die Einsicht, dass kleine Dinge große Unterschiede machen. Diese Haltung hat er mitgenommen. Und er hat sie auf ein Unternehmen übertragen, das seit 130 Jahren daran arbeitet, besser zu werden als gestern. Der Name über der Tür bleibt. Die Person dahinter verändert sich. Das ist nicht die Schwäche eines Familienunternehmens. Es ist seine Stärke.

Daniel Abt

ist Unternehmer, Influencer und ehemaliger Rennfahrer. Er startete von 2014 bis 2020 in der FIA-Formel-E-Meisterschaft, zuletzt als Werksfahrer für Audi. Heute ist er Geschäftsführer der Abt Lifestyle GmbH und im Aufsichtsrat der ABT SE, der Hauptgesellschafterin der Abt Sportsline GmbH. Das Familienunternehmen mit Sitz in Kempten wurde 1896 gegründet und ist spezialisiert auf Fahrzeugtuning und Motorsport für Fahrzeuge der Marken Audi, Volkswagen und Lamborghini.
„Du bist nur so gut wie dein Team – das gilt im Cockpit. Und es gilt überall sonst auch.“
Daniel Abt